Kill the Kühlbox: Die Auflösung einer Alltags-Bewegungs-Blockade

Jahrelang hatte ich dieses leise nagende Gefühl: dass es gut wäre, an den Wochenenden mit meinem Sohn aus der Stadt rauszufahren. Irgendwo zum Spazieren, Wandern, an einen See, in die Berge. Nicht nur so ab und zu, nicht nur bei Sonnenschein – sondern IMMER wenn er am Wochenende bei mir war.

Genauso lange redete ich mir ein, dass das schlichtweg nicht organisierbar ist. Mit einem Kind im Rollstuhl, ohne Auto - und überhaupt, wohin. Und dann Sachen zusammenpacken, Essen/Snacks/belegte Semmeln vorbereiten, Outdoor-taugliche Kleidung anschaffen und an Kind-Entertainment-Möglichkeiten denken. Die Vorstellung von vollen Straßen, überfüllten Zügen und hoch-bevölkerten Wanderwegen war auch nicht gerade anziehend.

Außerdem gab es an den Wochenenden traditionell sehr viel zu tun: Einkäufe und sonstige Erledigungen machen; ein wenig Arbeit unterbringen; Freunde und Bekannte treffen; all die kleinen und großen Events; trainieren; und mein Bedürfnis nach ausruhen und ausschlafen. Bitte nicht noch Freizeitstress oben drauf. Raus kann man schließlich auch in der Stadt.

Das nagende Gefühl aber blieb.

Aus Erfahrung weiß ich, dass bei solchen sich hartnäckig haltenden, wie auch immer vagen inneren Wahrheiten irgendwann ein bestimmter Punkt kommt: Der Moment, ab dem man die eigenen Ausreden einfach nicht mehr hören kann.

Gab es wirklich etwas, das so wichtig oder beschwerlich war, dass ich meinen Sohn nicht alle zwei Wochen einen kompletten Tag, von morgens bis abends, aus dieser Stadt und in die Bewegung an frischerer Luft bringen konnte?

Natürlich nicht. Stattdessen ging es eigentlich um etwas ganz anderes: mich von einer bestimmten Vorstellung von „am Wochendende aus der Stadt rausfahren“ zu lösen. Eine Vorstellung, die moderne Funktionskleidung, einen für alle Fälle perfekt ausgerüsteten Rucksack, qualitativ hochwertiges Outdoor-Equipment, ausgefuchste und ständig neue Touren zu malerischen Zielen, Bilderbuchwetter, perfekt vorbereiteten Proviant oder opulente Hütten-Mahlzeiten und attraktive Highlights für Kinder einschloss. Und mit dem perfekten Gipfelbild-Facebook-Post abschloss.

Die Lösung bestand darin – einfach zu fahren.

Unsere Touren - seit Ostern dieses Jahres konsequent jedes zweite Wochenende - sind denkbar unspektakulär. Wir ziehen ganz normale Sachen an, ein Mix aus Alltags- und Sportkleidung. Wir packen schnell, kurz vor der Abfahrt: ein wenig Regenbekleidung; ein paar sehr wenige Snacks und Sandwiches und auch nur, wenn ich die Lust und Kraft dafür habe; außerdem einen kleinen Schaumstoffball (für die Zugfahrt!),

eine Flasche Wasser, ein Handtuch und Bikini/Badehose. Wir fahren eine Stunde mit dem Zug, ganz primitiv immer an denselben Ort. Wir fahren immer am gleichen Tag. Zur gleichen Uhrzeit. Bei jedem Wetter.

Vor allem: fahren wir mit großer Freude, aber ohne große Erwartungen.

Die am Vorabend kurz überlegte Route passen wir bei Bedarf vor Ort an, wenn wir uns fit fühlen, oder vielleicht nicht so fit. Manchmal essen wir irgendwo Mittag – manchmal nicht. Nach dem Wandern gehen wir Schwimmen und essen vielleicht ein Eis. Manchmal haben wir zu wenig dabei. Manchmal ist es ein wenig langweilig, oder anstrengend,

oder einsam. Es kommt vor, das mein Sohn jammert und ich davon genervt bin. Manchmal würden wir morgens gerne etwas länger schlafen, oder uns beim Frühstück mehr Zeit lassen. Ab und zu bringen uns die Wetterverhältnisse ziemlich an unsere Toleranzgrenzen.

Auf unserer letzten Tour vor ein paar Tagen überholte uns auf einem einsamen Forstweg eine einheimische ältere Dame mit ihrem SUV. Zuvor hatten wir uns wegen einer Wegsperrung spontan für diese Route entschieden, die sich nach einiger Zeit als deutlich länger als erwartet herausstellte. Der Weg war mäßig steil; ich schob den Rollstuhl wie gewohnt, nur an den nächsten Schritt denkend (ok - an die nächsten 100 denkend); etwas mit der Ungewissheit über die Länge der Strecke hadernd.

Unerwartet blieb die Dame ein paar Meter vor uns stehen, öffnete die Fahrertür; fragte, wo wir hinwollten und ob sie uns ein Stück mitnehmen solle.

Ich blieb stehen, dankbar für ihre Freundlichkeit, und auch mein Sohn machte eine freudig-überraschte Bewegung.

Ich lächelte. Ich spürte den Schweißfilm auf meinem Gesicht, meine Körperhitze vom Rollstuhlbergaufschieben, die leicht klamme hautnächste Kleidungsschicht. Die Ruhe meines Sohnes. Die klare Luft. Das Plätschern bis Brausen des Baches neben uns. Den grau-bewölkten Tag. Den ganz gewöhnlichen Wald. Die ganze Unspektakulärheit des Momentes.

Ich bedankte mich aus ganzem Herzen für ihr Angebot. Sie lächelte zurück und verstand, ohne dass ich viel sagen musste. Das wegfahrende Motorengeräusch ging schnell im Brausen des Baches unter.

Einfach rausgefahren.