Ist Selbstzufriedenheit wirklich die Antwort auf den Körperkult-Trend?

Ich bin mir nicht sicher, ob es sich gerade häuft, oder ob ich es gerade bewusster wahrnehme: Die ganze wichtige Diskussion um die Bedenklichkeit von zunehmendem Körperkult. Die berechtigte Kritik an der Militarisierung von Fitnesstraining („Go hard or go home.“). Die stärkenden Apelle, Körper einfach so sein zu lassen wie sie eben sind, und nicht irgendwelchen Strandkörperidealen hinterherzulaufen.

Das ist notwendig und gut, denn: Ja, es gibt definitiv einen fragwürdigen Beachbody-Trend in den Fitness-, Nahrungs- und verwandten Industrien. Medial propagiert, und die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers begünstigend. Laut, hustlend, martialisch-diszipliniert, und alles Weiche, Träge, Verkürzte und Unfitte verurteilend. Die Botschaft, die ich dabei im Kern so gefährlich finde ist: Du bist nur liebenswert und vorzeigbar, wenn Du Dich schindest. Die Trainingsdisziplin wird zum Gradmesser des Selbstwerts. Der Sixpack zum Persönlichkeitsmerkmal. Gruselig.

Aber die Antwort auf diesen Trend kommt mir häufig ein wenig schnell, in Form einer leicht selbstzufriedenen bis fast resignierenden Haltung: den Körper auf keinen Fall mit Training und Superfoods zu skulpten was das Zeug hält, diesem ganzen Vorher/Nachher-Hype zu entsagen und mit dem Körperzustand zu leben, den man hat.

Wie schade.

Besteht der Ausweg wirklich darin, jeglichen Umbau des Körpers zu verteufeln? Übergewicht, eine eingefallene Ausstrahlung und Haltungsdefizite vermeintlich selbst-mitfühlend und innerlich befriedet zu akzeptieren? Alle Selfies und Vorher/Nachher-Bilder zu verdammen? Intensiven Trainings und sportlichen Aktivitäten aus dem Weg zu gehen?

Der Grat ist wie so oft schmal, aber vielleicht wird diese Diskussion einfach vom falschen Ende her aufgezogen.

Versuchen wir also zunächst, sie richtig rum zu erzählen - darin liegt in meinen Augen die Auflösung der Körperkult-vs-Schlaffheit-Debatte.

Wir alle wurden mit einem für uns perfekten Körper geboren. Mit den auf uns abgestimmten Proportionen, einem individuellen Stoffwechselprofil und einem großartig funktionierendem Gespür für unsere ganz persönlichen Bedürfnisse – solche nach Bewegung, der zu uns passenden Nahrung, Erholung und allen anderen Dingen, die uns körperlich gut tun.

Aber mit der Zeit haben wir gelernt, dieses Gespür, und die Signale und Bedürfnisse des Körpers zu überschreiben - um gesellschaftlich und beruflich zu funktionieren, und um dazu zu gehören.

Ich will das am Beispiel des Übergewichts illustrieren.

Wenn, sagen wir, ein 40-jähriger einen dicken Bauch vor sich herträgt, dann hat er ihn in den meisten Fällen nicht innerhalb der letzten sechs Wochen angefuttert.

Sondern vermutlich eher innerhalb von 10 Jahren. 20 kg Übergewicht entsprechen im Durchschnitt einer Zunahme von etwa 5,5 Gramm Körperfett pro Tag - ein Kalorienüberschuss von 50kcal. Das ist ungefähr eine Scheibe Salami. Pro. Tag. Zu. Viel. Wenn unser 40-jähriger sein Gewicht über 20 Jahre aufgebaut hat (oder sagen wir nur 10kg zu viel über 10 Jahre angefuttert), dann hat er im Schnitt jeden Tag eine halbe Scheibe Salami mehr gegessen, als er über den Tag an Kalorien verbrannt hat.

Und weil sein gesamter Lebenswandel, über eine sehr lange Zeit, unmerklich, jeden Tag gegen ihn gespielt hat, steht er auf einmal mit einem dicken Bauch da.

Und wenn er dann mit 40 auf einmal nicht mehr mit diesem Bauch leben will – ist sein allererster Reflex, sich das ganze Zeug abzutrainieren. Oder abzudiäten, oder am besten beides. Und NATÜRLICH sollen die Ergebnisse schnell kommen, und nicht erst zehn Jahre später. Denn er hat lang genug die Versprechungen der Fitness-/Ernährungsindustrien und der Sozialen Medien gehört. Die ihm suggerieren, dass man innerhalb von sechs Wochen den Beachbody aufbauen kann, und dass man ein Loser ist, wenn man es nicht macht.

Vielleicht startet unser 40-Jähriger den Versuch. Bis er genug hat von diesem ganzen Fitness-Theater und sich damit begnügt, dass ein Bauch halt dazu gehört, wenn man älter wird, und berufliche/familiäre Verpflichtungen hat.

Nur dass diese gesamte Sichtweise völlig am Problem vorbeigeht. Denn das Übergewicht ist lediglich das sichtbare SYMPTOM einer viel grundlegenderen Problematik: Ein Kalorienequivalent einer halben Salamischeibe hätte unser Beispielmann selbst dann über die 10-20 Jahre nicht in den Griff bekommen, wenn er noch so diszipliniert Kalorien und Trainingsminuten gezählt hätte. Das eigentliche Problem ist, dass er kein natürliches Gespür mehr für die Balance hat, die sein Körper in Bezug auf Bewegung, Nahrung, Erholung, Berührung, Luft, Sonne und sonstigen lebenswichtigen Dingen braucht. (Wissenschaftlich fällt das zum Teil unter das Stichwort „Interozeption“ – ein mittlerweile hochaktuelles Forschungsgebiet. Abgrenzend zur Propriozeption ist es die Wahrnehmung innerer Prozesse zur Erhaltung des physiologischen Gleichgewichts – wie z.B. Hunger, Verdauung, Atmung, Herzschlag, Temperatur etc.)

Hier kommt der Schlüssel für die Trainings-vs-Fünfe-gerade-sein-lassen-Debatte: Es ist nichts Schlechtes daran, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper als Indikator und Trigger herzunehmen – dafür, dass es grundlegendere Veränderungen in der eigenen Lebensweise, Körperwahrnehmung und generell vielleicht einen anderen Bezug zum Leben braucht. Und es ist auch nichts Schlechtes daran, sich über Fortschritte zu freuen, d.h. darüber, dass der Körper in einer schönen, starken und anziehenden Art und Weise die Veränderungen irgendwann reflektiert. Der Punkt ist, sich immer wieder davon zu lösen, die körperliche Transformation als Selbstzweck anzusehen – sondern sich immer wieder auf die dahinter stehende Lebensweise und das Gespür für die eigenen Bedürfnisse zu besinnen. Sich nicht auf eine bestimmte Körperform oder einen spezifischen Fitnesszustand zu versteifen – sondern einfach Dinge zu machen und Gewohnheiten zu pflegen, die sich, ganz individuell, für den eigenen Körper, und unabhängig von herrschenden und gängigen Meinungen, einfach gut anfühlen.

Hier sind meine Leitlinien für diesen körperlichen Veränderungsprozess:

  1. Die eigene Wahrnehmung steht über allem: Die eigene Körperwahrnehmung ist das wichtigste Instrument, was wir für unseren Körper haben. Kalorien zählen/Diätpläne, Apps, Trainingsgurus, Ärzte und technische Hilfsmittel können unterstützen – aber können nie Ersatz für die Präzision dieses fundamentalen Gespürs sein. Dieses wieder zu entdecken sollte die Basis für jegliche körperlichen Trainings-/Veränderungsprozesse sein.
  2. Spaß an der Bewegung steht auch über allem: Zähneknirschend Sport machen, um abzunehmen oder fitter zu werden, ist zum Scheitern verurteilt. Bewegung und körperliche Aktivität müssen Freude machen und eine tiefe Bedeutung für das eigene Leben bekommen – sonst bleiben sie mechanisch und werden bei der ersten Herausforderung wieder über den Haufen geworfen. Wenn Du sagst, dass Du Dich überwinden musst und Dir Sport noch nie Spaß gemacht hat – dann hast Du vielleicht noch nicht lang genug gesucht? Probier über ein, zwei, oder mehr Jahre alles, was Dir nur irgendwie in die Hände fällt. Pole Dance. Tai Chi Chuan. Speedminton. Acro Yoga. Formationstanz. Beachvolleyball. Golf. Synchronschwimmen. Eishockey. Reiten. Ballett. BJJ. Parkour. Klettern. Spazierengehen. Und vergiss bitte Dein Alter bei all dem – Du kannst zu jedem Zeitpunkt anfangen und es auf ein ordentliches Niveau bringen.
  3. Dein Alltag wiegt mehr als Training: Selbst wenn Du mit Freude Deinem Sport/Deinen Aktivitäten nachgehst – die meiste Zeit trainierst Du nicht. Dein Alltag hat mehr Einfluss auf Deinen körperlichen Zustand als Dein Training. Es ist der naheliegendeste und einfachste Weg zu einem gesünderen und fitten Körper. Das gilt auch für vermeintlich "unbewegte" Zeiten wie Erholung und Schlaf.
  4. Prioritätencheck: „Fitness“training (im Studio, mit dem Physio/Personal Trainer, zu Hause) hat keinen Selbstzweck. Muskelaufbau, ein besseres Squat-Muster und Abnehmen sind keine Trainingsziele. Finde Sportarten, Aktivitäten in denen Du komplett aufgehst (s. 2.) und gestalte Deinen gesamten Alltag so, dass er Dich in Bewegung hält und erfüllt (s. 3.) – erst DANN wird auch Dein Fitness- und Funktionelles Training einen wirklichen Sinn bekommen. (Natürlich ist die Reihenfolge flexibel und wird sich je nach körperlicher Verfassung, Lebensumständen und -inhalten verändern.)
  5. Inneren Körperfrieden finden: Auch wenn die Unzufriedenheit mit Deinem körperlichen Zustand der Auslöser für veränderte Lebens- und Bewegungsgewohnheiten ist: unabdingbarer Teil des Veränderungsprozesses ist es, in jedem körperlichen Zustand Frieden mit eben diesem Zustand zu finden. "Frieden" ist eben nicht gleich Resignation, Rückzug oder Selbstgefälligkeit. Wenn man meint, sich erst bei Erreichen eines imaginären, zukünftigen Ergebnisses akzeptieren zu können – dann wird man nie gut genug werden. Das ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, und ich könnte einen eigenen Artikel (oder eher Buch) über dieses Thema schreiben – aber es ist wichtig, mit Geduld (und möglicherweise Unterstützung) dranzubleiben.
  6. Und überhaupt Geduld: Körperliche Veränderungs- und umfassende Heilungsprozesse brauchen Zeit. Teilweise sehr viel Zeit. Je nach dem, um was es geht, sprechen wir eher von Jahren als von Monaten. Mit Sicherheit nicht Wochen.
  7. Lebenslanges Lernen: Es gibt kein Endergebnis. Dein Körper wird sich Dein Leben lang verändern – mit zunehmendem Alter, mit wechselnden Aktivitäten, Jahreszeiten und Schwangerschaften. Genieß das um jeden Preis.

So sehr ich die Kritik an einem völlig verzerrten Körperbild also schätze: Das Gegenteil von Körperkult ist nicht eine als Akzeptanz getarnte, resignierte Wohlgefälligkeit. Sondern die Freude an Bewegung, nahrhaftem Essen und einem erfüllten, wohltuenden Alltag – und ein Körper, der das, quasi als Nebeneffekt, mit Kraft, Gesundheit und Vitalität sichtbar reflektiert.

Und falls Du ein Bewegungstraining kennenlernen willst, das diese Veränderung auf den Weg bringt: Ich suche noch bis zum 20. August 2015 bis zu zwei Testklienten für ein bis drei kostenfreie Trainingssessions, in denen Du Deine Wahrnehmung schulen und nicht gekannte Kraft aufbauen kannst. Details unter www.gobeyondtraining.net/beyondtrainingcoaching und www.facebook.com/gobeyondtrainingnow. Oder schick mir einfach eine Email unter patricia@gobeyondtraining.net.