3 - Was Atmung mit Verstopfung zu tun hat

Atmung hat gesellschaftlich irgendwie einen schweren Stand.

Auf der einen Seite hat sie durch achtsamkeits-entspannungs-yoga-Ansätze eine mystische Aura bekommen und ist zum Symbol für Mittelschichts-Wellness-Anwendungen geworden.

Auf der anderen Seite hängt sie eben in dieser Wellness-Schiene fest - und wird meistens nicht so ganz ernst genommen. Die Vorstellung, dass man auch außerhalb von Entspannungkursen, also so jeden Tag, bewusst mit der Atmung zu tun haben kann, hat sich noch nicht ganz durchgesetzt. Es ist eher so ein "nice to have", ohne allzugroße Relevanz für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Dass Atmung massive Auswirkungen auf die Verdauung, das Gleichgewicht, das Sprechen, die Rumpfstabilisation, und höchste sportliche Performance haben kann - wird selten thematisiert.

Dass man mit Arbeit an der Atmung erklärliche und unerklärliche Symptome zum Verschwinden bringen kann (neuromuskuläre Beschwerden, Schmerzen, Verstopfung, Muskelkrämpfe, Angstzustände, Depressionen) - taucht noch viel weniger auf.

Während also das Gesundheitssystem langsam kollabiert, z.B. weil Rücken-Patienten durch eine Armada von Diagnostik und Therapien geschickt werden, und Burn-out und andere psychische Erkrankungen zum Volksleiden werden; und dazu ein Großteil aller Menschen unter dem kognitiven, emotionalen und physischen Potential bleibt, das ihr Körper eigentlich hergibt - wartet die Atmung freundlich und geduldig darauf, dass wir uns das Ganze ein wenig einfacher machen. Und viel, viel schöner.

Fangen wir also an.

Atmung hat wesentlich mehr Funktionen, als lediglich für einen ordentlichen Gasaustausch zu sorgen - wie z.B.

  • Stabilisation des Rumpfes in Ruhe und bei Bewegung/Belastung
  • Interaktion mit Organen des Abdomens, z.B. Einfluss auf die Darmperestaltik
  • Regulation von Sauerstoff und Kohlendioxid-Gehaltes im Blut - dadurch indirekt Einfluss auf den pH-Wert des Blutes, dessen Regulation essentiell für alle physiologischen Prozesse ist
  • Regulation des Übergangs von Speiseröhre zu Magen, d.h. Verschlussfunktion
  • Regulation der Darmentleerung
  • Druckfunktion in der Übergangsphase des Geburtsvorgangs

Bei all diesen Funktionen hat das Zwerchfell eine zentrale Rolle. Es ist ein Muskel, der sowohl glatte wie auch quergestreifte Anteile hat - und genau das macht die Atmung zu so einem wahnsinnig schlagkräftigen Werkzeug für die normale Gesundheit genauso wie für Hochleistungsperformance. Denn sie ist "par excellence die Brücke zwischen Körper und Geist" (Peters, D. in "Recognizing and Treating Breathing Disorders". Heißt: Die Atmung gibt uns auf einer rein bimechanischen Ebene einen willkürlich aktivierbaren Zugang zu den unwillkürlich gesteuerten Funktionen des Autonomen Nervensystems. Und das ist, wenn man sich das mal genau durchdenkt, eigentlich der helle Wahnsinn!

Das klingt alles gut, aber hier ist das Problem: Ein ungestörter Atem hat heutzutage Seltenheitswert. Studien nach leiden 10% der Bevölkerung an chronischer Hyperventilation (=Atmung über das erforderliche Maß hinaus, mit der Folge das dem Blut zu viel Kohlendioxid entzogen wird und der pH-Wert steigt). Viel häufiger sind meiner Wahrnehmung nach jedoch Störungen des Atem-(Bewegungs-)musters in dem Sinne, dass chronisch die falschen Muskeln rekrutiert werden und die Muskeln, die lediglich eine Assistenzfunktion haben sollten, übermäßg beansprucht werden. Das Ergebnis ist eine flache Atmung, chronische Verspannungen und Schmerzen, und eine eingeschränkte Beweglichkeit des Rumpfes.

Die Folgen? Kann man schon fast aus den obigen Funktionen ableiten:

  • Gestörter Elektrolythaushalt des Blutes, und damit alles mögliche: Kalziummangel, Übererregbarkeit von Muskeln (z.B. Krämpfe)
  • Verstopfung (wg gestörter Druckfunktion), oder auch Durchfall (wg des Kalziummangels)
  • Atemwegsinfekte
  • Nacken/Schulter/Rücken-Beschwerden/Schmerzen aller Art
  • Ausbleibende Trainingsfortschritte, weil der Rumpf nicht ausreichend stabilisert werden kann
  • Chronische Müdigkeit, gestörte Regenerationsfähigkeit
  • Schnarchen
  • Stimmbeschwerden, z.B. gereizte Stimmbänder, oder eine hohe Stimme bei Männern
  • Reflux von Mageninhalt, Sodbrennen
  • Sympathetische Überreizung, Schlafprobleme, Angstzustände, Depressionen
  • Ungünstige Haltungsmuster

Just sayin'.

Das heißt nicht, dass man jetzt alle Behandlungen wegschmeißen kann und nur noch am Atem feilt - aber über die Arbeit an der Atmung lassen sich Therapie und Genesungsprozesse auf die Dauer stabilisieren. Vieles sogar vorbeugen, bevor es entsteht.

Außerdem lassen sich mit einer sauberen Atmung auf einmal Dinge erreichen, die vorher gar nicht möglich waren. Eine ganz neue Beweglichkeit im Körper. Mehr Kraft in Alltags- und sportlichen Bewegungen. Mehr Eleganz noch dazu.

Es ist also an der Zeit, die Atmung wieder voll gesellschaftsfähig zu machen - ohne sie östlich zu mystifizieren, und ohne sie zu bagatellisieren. Ihr einfach den rechtmäßigen Platz einzuräumen - wir werden es ihr danken.