4 - Wann und wodurch wir das Atmen verlieren - und wie wir es wieder finden können.

Im letzten Artikel ging es um die vielleicht unerwarteten Auswirkungen von Atmung - im Guten wie im Schlechten.

(Kleiner Vorgiff: In einem der nächsten Artikel wird es um die enge Wechselwirkung zwischen der Atmung und der Haltung gehen - sehr faszinierend, wie das individuelle Atemmuster den Körper richtiggehend formt, und wie man entsprechend die Atmung nutzen kann, um dem Körper eine andere Form zu geben.)

Eine gesunde Atmung ist etwas sehr Entspanntes, da sie relativ wenig Muskeln rekrutiert:

Einatmen: Zwerchfell, Intercostals (das sind die Muskeln zwischen den einzelnen Rippen), und bei einigen Autoren zu einem gewissen Grad auch die Scalenen. Das sind also die Muskeln, die den Durchmesser des Brustkorbs nach vorne/hinten/zur Seite weiten (und nicht etwa nach oben).

Ausatmen: Keine - es handelt sich lediglich um einen elastischen Rückstoß des Brustkorbs.

Natürlich drängt sich aber jetzt eine Frage auf:

Warum kann so etwas Einfaches und Fundamentales wie die Atmung verlernt werden? Und zwar nicht nur in Einzelfällen, sondern geradezu epidemieartig?

Antwort: Es gibt verschiedene Gründe und Kombinationen aus diesen:

  • Das Atemmuster ändert sich im "Figth or Flight"-Zustand des Autonomen Nervensystems. Heißt: Sobald das sympathetische Nervensystem den Körper für Kampf oder Flucht hochfährt, werden auch und vorwiegend solche Muskeln rekrutiert, die normalerweise nur eine Unterstützungsfunktion für die Atmung haben (Sternocleidomastoiden, oberer Trapezius, Serratus posterior superior, Subclavius, Omohyoid). Wenn man sich das bildlich vorstellt (s. Abbildung weiter unten), dann heißt das im Grunde, dass da ziemlich viele Muskeln den Brustkorb und den Schultergürtel nach oben ziehen. Wenn dieses Muster über lange Zeit aufrechterhalten wird, weil jemand ständig unter Stress/beschäftigt/am Rumrennen ist, dann wird sich dieses Muster in die Körperstruktur einprägen, und der Atmung gar kein anderes Rekrutierungsmuster mehr zur Verfügung stellen.
  • Körperliche Aktvität: Wenn man z.B. viel vor dem Schreibtisch/PC sitzt, oder vorneübergebeugt Rennrad fährt, schränkt man das Muskel-Rekrutierungsmuster von außen ein. Auch dadurch kommt es zu strukturellen Adaptionen, die die Atmung dauerhaft verändern können.
  • Ungünstige Kleidung: Hosenbünde sind ein absoluter Atemmuster-Killer. Dirndl übrigens auch, nur trägt man letztere meistens nicht regelmäßig (es sei denn man hat ein Wirtshaus). Kompressions-artige Oberteile. Alles, was das reguläre Expansionsmuster des Bruskorbs und des Abdomens einschränkt, verschiebt das Rekrutierungsmuster "nach oben".
  • Kulturelle/ästhetische Haltungsmuster. Z.B. wenn man ständig den Bauch einzieht, um ihn nicht zu groß erscheinen zu lassen. Oder als Kind ermahnt wurde "gerade zu stehen" oder zu sitzen. Oder wenn man sehr groß ist, und meistens auf andere runterschauen muss, um mit ihnen zu sprechen. Tanzformen, in denen bestimmte Körperideale und -linien gefragt sind, wie z.B. dem Ballett, wo die Atmung klassischerweise nicht zu sichtbar sein sollte.
Primäre und assistierende Muskeln, die am Einatmen beteiligt sind. (Zugriff unter http://www.centeredyoga.com/article_arielle-how-your-breathing.html am 18.09.2015)

Primäre und assistierende Muskeln, die am Einatmen beteiligt sind. (Zugriff unter http://www.centeredyoga.com/article_arielle-how-your-breathing.html am 18.09.2015)

Der Riesentrost, der sich daraus ergibt: Diese Prozesse sind reversibel. D.h. man kann die Atmung genauso wieder in günstige Rekrutierungsbahnen lenken. Als erstes beginnt man damit, das eigene Atemmuster bewusst wahrzunehmen, zunächst im Ruhezustand (stehen, sitzen, liegen): Wie bewegt sich mein Brustkorb? Wie oft atme ich pro Minute ein (als normal gelten 10-14 Atemzüge)? Gibt es irgendwo Verspannungen? Benutze ich mehr Muskeln als notwendig? Später beobachtet man genauso auch unter körperlicher Aktivität (gehen, laufen, in Trainingsbewegungen etc). Basierend auf diesen Beobachtungen (bei denen man sich am besten auch von einem Coach/Traininer/Physio helfen lässt) kann man gezielt mit achtsamer Arbeit am Atem punktuell neue Atemmuster üben, bis sie vom Körper dauerhaft integriert werden.

Was für eine massive Entlastung.