5 - Warum ein Hohlkreuz Kraft und Stabilität fast unmöglich macht.

In einem der letzten Beiträge plädierte ich sehr dafür, der Atmung mehr gesellschaftliche Anerkennung zuzugestehen - sie also aus der Wellness-Ecke zu holen und ihren entscheidenden Beitrag auf sämtliche körperlichen Systeme zu verstehen.

Selbst während meiner Zeit als Konditionstrainerin im Profisport begegnete mir die Wichtigkeit der Atmung auf körperliche Höchstleistung nur selten. Die Sportler sollten schließlich schwere Gewichte stemmen, hoch springen und schnell laufen - und nicht irgendwelche Atemübungen machen.

Schade, dass ich damals noch nicht mal auf dem Schirm hatte, was ich nun viel besser verstehe.

Denn die Atmung ist eben nicht nur ein nettes Accessoire zukörperlicher Performance - sondern womöglich auch ein Dealbreaker.

Ich will das an einem konkreten Beispiel demonstrieren - nämlich wie ein typisches Haltungsproblem 1.) zu ungünstigen Atemmustern führt was schließlich 2.) eine gute Rumpfstabilisation unmöglich macht.

Kommen wir aber erstmal zum Idealfall der Atmung und ihrem Zusammenhang mit Rumpfstabilität: Eine Modell, diese zu beschreiben bietet die Dynamic Neuromuscular Stabilization (DNS). Die Grundidee dieses Modells besteht darin, dass Rumpfstabilität bei körperlicher Aktivität wie ein Kolben funktioniert - bestehend aus dem Abdomen, dem Zwerchfell als beweglicher Teil, und den Beckenbodenmuskeln als "Boden". Wenn sich das Zwerchfell bei der Einatmung also nach unten verschiebt, entsteht durch die Inkompressibilität des Bauchraums ein leichter Überdruck, der stabilisierend auf den Rumpf wirkt.

 

Knackpunkt: Das funktioniert eigentlich nur dann so richtig, wenn die Achse des Zwerchfells UND die Achse des Beckenbodens horizontal sind und damit parallel zueinander stehen. D.h. Brustkorb und Becken sind in Neutralstellung zueinander ausgerichtet.

Ok, und jetzt sieht man auch leicht, warum das bei einer weitverbreiteten Fehlhaltung nicht funktioniert - nämlich beim sogenannten Hohlkreuz. Das Becken ist dabei nach vorne gekippt - zur Kompensation ist der Bruskorb häufig nach hinten geneigt. Konsequenz: Der (Becken-)Boden des Kolbens und der bewegliche (Zwerchfall-)Teil sind nicht mehr parallel zueinander. Das wiederum schafft komplett veränderte Druckverhältnisse:

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Wie man sieht, entsteht also eine Art Stabilisations"leck" im Bauchbereich - die Stabilisationsfähigkeit ist unterminiert.

Der Punkt ist: Man kann noch so viele Bauchmuskelübungen machen - es wird nicht viel bringen, solange das Becken habituell in dieser Kippung steht. Man muss also zunächst mit geeigneten Bewegungen, und Arbeit mit dem Atem, die Becken-/Brustkorbstellung habituell neu konfigurieren - erst dann ist optimale Performance möglich.

Fazit(e):

1. Ein Hohlkreuz ist nicht nur ein kosmetisches Problem

2. Es macht die immens wichtige Stabilisationsfunktion der Atmung/des Zwerchfells schwierig bis unmöglich, je nach Ausprägung

3. Ein so gekipptes Becken ist aber nicht in Stein gemeißelt, sondern mit der passenden Herangehensweise durchaus veränderbar. Und der Weg lohnt sich - nicht nur wegen besserer sportlicher Performance, sondern weil mit hoher Wahrscheinlichkeit auch viele andere körperliche Baustellen verschwinden oder gar nicht erst enstehen. Und das ist, auf die Lebensdauer gesehen, verdammt viel wert.