16 - Weg mit den Samthandschuhen: Für ein inklusives Bewegungsverständnis

Wenn man heutzutage als Kind mit einer Behinderung in Deutschland (und speziell in Bayern) aufwächst, dann hat man vor allem - Pech.

Und man hat nicht etwa Pech, weil es keine Bildungskonzepte gibt, oder Personal und Infrastruktur fehlt, sondern: Weil der Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben, immer noch von Angst und Defensive* geprägt ist. Weil der Großteil von Lehrern, Erziehern, Administratoren, Fachleuten und ja, auch Eltern mit Samthandschuhen unterwegs ist.

Es ist dies kein reines Behinderungsphänomen: Die Diskussion um Helikopter-Erziehung und Pathologisierung von kindlichen Verhaltensmustern (und damit verbundene Über-Medikamentisierung und -Therapierung) gibt einen generellen Zeitgeist wieder. Nur ist das alles bei Kindern mit Behinderungen massiv verstärkt.

Und möglicherweise ein wichtiger Grund dafür, dass Menschen mit Behinderungen:

  • statistisch gesehen mit großer Wahrscheinlichkeit keinen regulären Berufsweg einschlagen ("Erster Arbeitsmarkt")
  • langfristig auf Sozialmaßnahmen und Assistenz angewiesen sind
  • meiner persönlichen These nach: Ihr volles motorisches und geistiges Heilungspotential nie erreichen. (Das ist statistisch natürlich nicht zu erfassen.)

Ich vermute, dass alles damit anfängt, dass Kinder, bei denen eine Behinderung diagnostiziert wird, in ein völlig separates Förder- und Bewegungssystem gesteckt werden - dessen Effektivität weder evidenzbasiert noch besonders überzeugend ist. Von der Effizienz ganz zu schweigen.

DIE KONSEQUENZ: Diese Kinder wachsen mit der Botschaft auf, dass sie nicht "richtig" sind und dauerhaft an ihnen herumgedoktort werden muss. Dass Bewegung nur im therapeutischen oder sonstwie absepariert-integrativen Setting möglich ist. Dass sie vor dem Fallen, sich Verletzen und Fehler machen bewahrt werden müssen. Dass sie lieber vorsichtig sein, und bloß nicht über ihre Grenzen hinausgehen sollten. Dass es keinen unbefangenen und ausprobierenden Umgang mit ihrer Bewegungs- (oder sensorischen) Fähigkeiten gibt - sondern alles nur von Fachleuten und im Rahmen eng gesteckter Bewegungsgrenzen getan werden kann. Dass Bewegung nur zum Erreichen bestimmter (motorischer) Ziele betrieben wird. Dass immer jemand bei ihnen sein und aufpassen muss.

Diese Welt zu ändern - das wird von nun an die Vision meiner Arbeit sein.

Das für mich wichtiste Ergebnis meiner beruflichen und persönlichen Laufbahn der letzten Jahre: Es ist wenig hilfreich, eigentlich müßig, zwischen behindert und nicht-behindert zu unterscheiden. Oder zwischen Training und Therapie. Ich habe erfahren, dass es viel passender ist, die Bewegungsfähigkeiten eines Menschen als Spektrum zu sehen. Und egal wo dieser Mensch sich gerade befindet - man fängt genau dort an und bleibt offen für das, was möglich ist.

Gleichzeitig ist das, was möglich ist, nicht das primäre Ziel. Vor allem anderen geht es viel mehr darum, Freude an der Bewegung zu finden. Sich auszuprobieren. Neues zu entdecken. Sich kennenzulernen. Zu fallen. Wieder aufzustehen.

Erst dann kommt das, was möglich ist.

Und das kann ziemlich viel sein, wie ich ebenfalls erfahren durfte. Viel mehr, als die momentanen Frühförderansätze und später angewandten konventionellen Physio-, Ergotherapie, Logopädie und Heilpädagogik im Durchschnitt hinbekommen. Denn was in den letzten Jahrzehnten der neurowissenschaftlichen Forschungen und der Entwicklung von neuen Rehabilitationsansätzen rausgekommen ist, das ist bahnbrechend - aber leider im therapeutischen Mainstream noch nicht angekommen. Im Moment ist es tatsächlich so, dass diese innovativen Erkenntnisse meistens in einem sehr engen Umfeld angewendet werden, da die finanziellen und kommunikativen Wege fehlen, um die dort erlangten Erfahrungen einem größeren Kreis zugänglich zu machen**.

Ich finde, dass auch Kinder mit Behinderungen Bewegung als etwas erfahren dürfen, dass einfach zum Leben gehört. Sie dürfen lernen, dass man nicht in irgendwelche Therapiepraxen oder Frühförderzentren fahren muss - sondern in ganz normalen Fitnesstudios, in der Natur und jederzeit im Alltag aktiv sein darf. Dass man sich dabei auch mal schmutzig machen und wehtun darf. Dass man sich selbst etwas überlegen darf, und nicht immer nur angeleitet wird. Dass man seinen eigenen Bewegungsweg finden darf, auch in Zusammenhängen und an Geräten, die sonst nur nicht-behinderten Menschen vorbehalten sind. Dass man stark und verwegen sein darf. Dass man etwas zugetraut bekommt, seine eigenen Grenzen kennenlernen und alleine machen darf.

Wenn die Diagnose einer Behinderung für Kinder nicht mehr bedeutet, Pech zu haben - dann ist wirklich alles möglich.

*  *  *

*Ganz aktuell - ein Interview der Bertelsmann-Stiftung mit Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/september/bauchentscheidungen/

** z.B.: Norman Doidge: The Brain That Changes Itself (Deutsche Ausgabe: Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert) und The Brain's Way of Healing (Deutsche Ausgabe: Wie das Gehirn heilt: Neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft)