Es ist nicht alles Wurm im Leben.

Ich hätte nie gedacht, dass mein vor etwa vier Monaten erschienener Blogpost über das Scheitern mir zu einem höchst-bewegenden Vortrag verhelfen würde.

Und das auch noch vor einem höchst-ambitionierten und auf Achievements getrimmten Publikum, für das Scheitern eigentlich keine Option ist. So zumindest meinte es mein Kopfkino, als mich die Anfrage des Aluminvereins der Bayerischen EliteAkademie (BEA) erreichte, vor dem aktuellen 17. Jahrgang der BEA, und ggf. interessierten Alumni, einen Kaminabend zum Thema "Scheitern" zu gestalten.

Gleichzeitig wusste ich aus meiner eigenen Zeit als BEA-Studentin des 1. Jahrgangs, dass ich in diesem High-Performance-Publikum auch auf viel emotionale Intelligenz, Neugier und Aufgeschlossenheit treffen würde - und vielleicht habe ich gerade deswegen, trotz meines ursprünglichen Muffensausens, zugesagt, diesen Vortrag überhaupt zu halten.

Das Muffensausen lag in meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen an diese von bayerischer Politik und Wirtschaft gepowerten Institution begründet. Als zielorientierte Physikstudentin mit vielseitigen Interessen passte ich damals zwar einerseits voll in die Zielgruppe; und doch war da immer das latente Gefühl, irgendwie komplett fehl am Platze zu sein.

Es lag weiß Gott nicht am Curriculum, an den Referenten, oder gar an den Mitstudenten. Die Inhalte und Themen waren ein absolutes Paradies für meine Neugier auf alles, und ich bin mir sicher, dass ich noch heute von ihnen zehre. Ich habe superspannende Lehrer, Praktiker und kluge Denker kennengelern; mit einem Mitstudenten verband mich meine längste Beziehung und bis heute tiefe Freundschaft; und auch mit anderen Mitstudentinnen und -studenten bin ich heute noch in einem bereichernden Kontakt. Ich würde die BEA ohne zu zögern, auch heute noch, jedem in Bayern Studierenden als fruchtbare Ergänzung zur Uni empfehlen.

Das fehl-am-Platz-Gefühl war eher mit dem mehr oder weniger unausgesprochenen Lebensentwurf verbunden, der an allen Ecken und Enden lungerte. Dieser Lebensentwurf sah vor, dass man im Eilschritt, mit maximalen Auslandsaufenthalten und besten Noten durch ein technisch-naturwissenschaftliches oder BWL-Studium marschierte, anschließend einen lukrativen und entwicklungs-perspektivischen Job bei einer Unternehmensberatung, einem Konzern oder Weltklasse-Mittelständler ergatterte und sich dann die Karriereleiter hochschraubte. Alternativ, und das war schon die sehr progressive Variante, konnte man sich nach dem bravourösen Studium auch als smarter, immer-erfolgreicher Unternehmer profilieren. Oder im akademischen Umfeld, am besten als deutschlandweit jüngster Professor auf seinem Gebiet. Das alles natürlich bei ständigem maximalen Leistungsoutput, einem vorbildlichen Netzwerk und einer strahlenden Familie, die man sich so ganz nebenbei auch noch aufgebaut hatte.

In diesem Lebensentwurf gab es keine Zweifel, keine Ahnungslosigkeit, kein Durchhängen, keine Abgründe, keine Umwege. Kein Aufhören und neu anfangen. Es gab nur ein stetiges, linear bis exponentielles Schärfen von Soft und Hard Skills und lückenlose Lebensläufe. Sogar Auszeiten und Veränderungen wurden mit einem irgendwie pädagogisch wertvollem Zweck belegt - natürlich musste auch aus Sabbaticals und Weltreisen irgendwas Greifbares herauskommen.

Mag sein, dass sich das ein wenig überspitzt anhört. Für mich war es real. Für mich war es z.B. ein Grund dafür, dass ich nach meinem Studium zunächst ein paar Jahre keinen Kontakt zur BEA und zum Alumniverein gesucht habe.

Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich schließlich, nach etwa sieben Jahren, das erste Mal wieder bei einer BEA-Veranstaltung war. Nachdem ich meine verheißungsvolle Physik-Laufbahn beendet, erneut - diesmal Sport - studiert hatte, gerade wieder nach München gezogen und nicht nur außerehelich, sondern auch noch alleinerziehend schwanger war. Und völlig planlos, was ich nach der Geburt meines Kindes machen würde. Ich war nervös, als ich mich auf den Weg zum Veranstaltungsort machte. Eigentlich schämte ich mich schon fast dafür, dass mein Weg so eklatant von dem propagierten Lebensentwurf abwich.

Aber irgendwie war ich wohl unterbewusst auch deswegen zu dieser Veranstaltung gefahren, weil ich mich genau dieser Diskrepanz stellen wollte. Ich suchte nach einer Art Normalität, sogar Dazugehörigkeit/Gemeinschaft - trotz der gefühlt immensen Abweichung von der Normalität dieser Gemeinschaft. Vielleicht wusste ich schon damals unterschwellig, wie lebensnotwendig es für meinen Weg sein würde, den eigenen Wert nicht über das Erreichte zu definieren. Den eigenen Wert eigentlich über gar nichts zu definieren. Weil er keiner Definition bedarf.

Der Abend damals wurde übrigens supernett. Denn natürlich sind die Dämonen aus Scham und Minderwertigkeit vor allem im eigenen Kopf. Dann hilft es durchzuatmen, und die eigene Geschichte trotzdem zu erzählen. (Fast hätte mich daraufhin einer der anwesenden, natürlich erfolgreichen Mentoren-Unternehmer, an einen hochklassig spielenden Eishockeyverein, den er natürlich sponsorte, als Konditionstrainerin vermitteln können.)

Und so war die Einladung, an dieser Stätte von Mega-Erfolg jetzt einen Vortrag über meinen aktuellen Nicht-Erfolg zu halten, eine Art Neuauflage meiner fehl-am-Platz-Gefühle. Vielleicht sogar noch verstärkt von der Perspektive, vor den aktuellen Studenten zu sprechen. Die von einer BEA-Alumna der ersten Stunde doch eher die inspirierenden und glamourösen Erfolgstories erwarten würden.

Also wieder: Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte von Zweifel, Ahnungslosigkeit, Durchhängen, Abgründen, Umwegen. Vom Aufhören und neu anfangen.

Aber auch: von der Freude und Lebendigkeit, den eigenen Weg zu gehen, und sich dabei partout von nichts beirren zu lassen.

Der Abend wurde nicht nur supernett - er wurde ein Bombenerfolg. Intensiv. Ehrlich. Nah. Dankbar. Was nicht minder am zweiten Referenten und Alumnus Simon Bierbaum lag, der seinen ein paar Jahre zurückliegenden Startup-Fail in einer sehr offenen und ehrlichen Weise teilte. Aber vor allem hätte mir kein besseres Publikum wünschen können für ein Vortragsthema, das eine echte Premiere für mich darstellte.

Die ganze Tragweite dieses Themas kam mir dann einige Tage später. Zufällig traf ich Irmi auf der Straße - eine BEA-Alumna aus dem 4. Jahrgang und eine derjenigen, mit der mich nach wie vor ein guter Kontakt verbindet. Auch sie eine vielseitig Interessierte, die ihre Zeit bei der BEA schätzt, aber seitdem ebenso ihren eigenen Weg gegangen ist. Wir unterhielten uns kurz, und ich erzählte ihr schon fast nebenbei von dem Vortrag, und wie bereichernd er für mich gewesen war. Wie ich schon fast überrascht war über das großen Interesse an diesem für die BEA eher Tabu-Thema.

Sie nickte wissend-lächelnd und sagte (ich paraphrasiere), dass auch sie ziemlich Erfolgserwartungs-geprägt aus ihrer BEA-Zeit herausgegangen war. Sie beschrieb es als einen ziemlichen Wurm, den man da so ins Ohr gesetzt bekomme. Und dass dieser Wurm über lange Zeit vor sich hinbrüte, und irgendwann sei dann alles im Kopf Wurm. Ich lachte und fügte an, dass dieser Wurm dann irgendwann explodiere und man erst dann merke, dass nicht alles im Leben Wurm sei.

Als ich dann weiterging wurde mir klar, wie schwer solche idealisierten Lebensentwürfe auf ALLEM lasten können. Wie massiv sie Horizonte einschränken, Kreativität dämpfen und Mut entziehen können - wenn nur stetiger Erfolg, Leistung und Sonnenschein als erstrebenswert und vorzeigbar gelten. Wir sehr wir alle wahrscheinlich danach dürsten, uns für unsere eigenen verquerten (Um-/Ab-)Wege, für unser eigenes, vielleicht auch mal langsames Tempo; für unsere phasenweise ziellose Planlosigkeit; und für unsere grandiosen, oder auch völlig profanen Misserfolge nicht schämen zu müssen.

Was wir dafür tun können?

Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen.

*  *  *

Großer Dank geht an den Alumniverein der BEA, insbesondere Matthias Notz, Katharina Schüller und Linda Richter für das mutige Aufgreifen dieses Themas und für die Organisation des Kaminabendes. Außerdem danke ich Simon Bierbaum, dass er sich an dem Abend ebenfalls als Referent zur Verfügung gestellt und seine eigene Misserfolgsgeschichte geteilt hat. Und natürlich Irmi für die wunderschöne Wurm-Analogie.

Außerdem Riesendank an den 17. Jahrgang und alle anwesenden Alumni für eure Bereitschaft, euch auf dieses Thema einzulassen. Ich wünsche euch alles Gute und den Mut, möglichst viele Dinge in den Sand zu setzen - mit ganz viel Freude dabei!

Zum Thema: Why Generation Y is Depressed and Silent About it