Mein Heureka-Moment in Bezug auf Unternehmergeist.

Meistens entwickeln sich Dinge im Leben (Lernvorgänge, Erkenntnisse, Wachstum) nach und nach, Schritt für Schritt.

Aber immer wieder gibt es diese besonderen Momente, in denen plötzlich alles anders ist. Aus dem Nichts kommende göttliche Eingebungen. Situationen, in denen es plötzlich Klick macht. Heureka-Momente.

Eine solche blitzartige, alles verändernde Erkenntnis traf mich völlig überraschend diese Woche zum Thema Entrepreneurship. Nachdem ich mich schon seit Jahren mit diesem Thema in allen Facetten beschäftige, wurde mir gestern urplötzlich mein größtes Missverständnis in Bezug auf die Gründung und Aufbau einer unternehmerischen Existenz klar.

Aber eins nach dem anderen.

Zufällig und sehr kurzfristig bekam ich von Matthias Notz, einem ehemaligen BEA-Kollegen, eine Einladung zu einer Entrepreneurship-Veranstaltung. Matthias führt mit großem Engagement die Geschäfte des Entrepreneurship Center an der Universität München (kurz EC), und dieses beinhaltet auch eine Art Accelerator für frische Gründer, das sogenannte "Lab". Das EC veranstaltet zwei Mal jährlich Pitch-Events, bei denen die "Alumni-Startups" des Labs einerseits und die neu aufgenommenen Gründer andererseits vorgestellt werden. Diese Abendveranstaltung wird durch Keynotes von interessanten Start-up-Gründern aufgelockert und schließt mit einem Networking-Teil ab. Das Ganze, ganz stilkonform, in der Großen Aula und im Lichthof der altehrwürdigen Universität.

Ich hatte für den betreffenden Abend eigentlich schon Pläne, und als Introvertierte sind solche großen und plakativen Netzwerk-Events eher nicht so mein Ding. Irgendetwas reizte mich aber an dieser Gelegenheit; so gab ich mir kurz entschlossen einen Ruck, verschob meine ursprünglichen Pläne etwas nach hinten, um zumindest bei einem Teil des Programms dabeisein zu können.

Was ich dort vorfand, war mehr als nur beeindruckend.

Denn all diese überwiegend sehr jungen Menschen waren nicht nur top vorbereitet für ihre zum Teil auf die Sekunde getimten Pitches erschienen, sondern hatten jetzt schon, in diesem frühen Stadium ihres Unternehmens, Großartiges geleistet. Fachlich. Business-planerisch. Vor allem aber persönlich.

Die Geschäftsideen dieser Teams hätten unterschiedlicher nicht sein können. Flüchtlings-Recruiting-Management, Reiseequipment-Verleih, ein Parkplatz-Anzeigesystem, Krebsdiagnostik, Vermittlung von Home-Wellnessangeboten....manches klang total gewagt. Anderes wiederum fast zu einfach.

Und klar: Manche dieser jungen Unternehmen werden es schaffen. Andere wiederum aufgeben müssen, oder ihre Ausrichtung komplett ändern.

Genau hier begann meine persönliche, drei-teilige Epiphany:

1. Es ist absolut unmöglich vorherzusagen, welche dieser Ideen es schaffen wird (und welche nicht).

Es gibt keine 100%igen Kriterien, anhand derer man einschätzen könnte, ob eine Geschäftsidee aufgeht oder nicht. Es ist völlig unerheblich, ob eine Idee anfangs aussichtslos erscheint. Es gibt nicht so etwas wie "zu verrückt", wenn es um Gründungsvorhaben geht. Erst wenn man loslegt und dem ganzen eine ernsthafte Chance gibt, lässt sich beurteilen, ob eine Unternehmung Erfolg haben kann oder nicht. Es gibt keine Garantien, und - das vergessen wir häufig - selbst Wahrscheinlichkeiten basieren immer auf Daten der Vergangenheit.

2. Es gibt auch keinen Weg vorherzusagen, ob ein Gründer/Unternehmer die notwendigen Skills für sein Businessvorhaben hat. Wahrscheinlich hat er sie zunächst eher nicht. Vielleicht muss er sie erst lernen. Aber auch das kann nur durch Anfangen und Tun geschehen.

3. Es ist völlig unerheblich, was andere von der Geschäftsidee halten. Egal ob Freunde, Kollegen, Investoren, Mentoren: Keiner kann vorab beurteilen, was am Ende rauskommen wird. Klar, Investoren und andere Förderer und Geldgeber müssen eine Entscheidung treffen - aber diese Entscheidung bezieht sich immer auf ihr momentanes Engagement auf Basis ihrer eigenen Einschätzung, und sagt nichts über den später eintreffenden tatsächlichen Erfolg oder Misserfolg des Startups aus.

*  *  *

All die Gründer, die dort auf der Bühne standen, hatten vermutlich oft genug skeptische Blicke geerntet, wenn sie anderen von ihren Vorhaben erzählt hatten. Wahrscheinlich haben sie oft genug selbst gezweifelt. Sie haben Absagen bekommen, waren mit fehlenden Ressourcen konfrontiert und mit nicht vorhandenem Bedarf für ihr Produkt. Und trotzdem hatten sie sich auf den Weg gemacht.

Und so dämmerte mir, etwas schmerzhaft, eben jenes große Missverständnis, und wie sehr mein eigener unternehmerischer Weg von meinen inneren Erfolgsaussichts-Beurteilungen geprägt war. Mir wurde klar, wie sehr es schon fast ein Reflex ist: jede unternehmerische Idee just im Moment ihres Auftauchens innerlich mit einer Potentialeinschätzung zu belegen. Vielleicht macht es erfolgreiche Unternehmer aus, dass sie diesen Reflex im Zaum halten, die Stimmen anderer ausreichend ausblenden können, und ohne sich groß beeindrucken zu lassen Schritt für Schritt weitermachen.

Es geht also nicht darum, eine Idee trotz ihrer Verrücktheit zu verfolgen - sondern durch unbeindrucktes Tun der Verrücktheit ihre Bedeutung zu entziehen. Von Bewertungen und gängigen Meinungen emotional abgekoppelt loszulegen und weiterzumachen. Und genau das traf mich an diesem Abend so viszeral wie nie zuvor.

"Was wollt ihr denn mit Bussen??" sei er vor der Gründung von FLIX-Bus gefragt worden, erzählte einer der beiden Keynotespeaker des Abends. "Dafür wollt ihr euren Job kündigen??" habe sie damals gehört, so die zweite Keynotespeakerin, Gründerin einer Tandem-(Jobsharing)-Personalagentur. ["Ihr wollt Privatwohnungen an Fremde vermieten??" belächelten übrigens viele den - ja, genau - Gründer von Airbnb].

Es hilft, sich bewusst zu machen, dass Verrücktheit nur in unseren Köpfen existiert - und dass es keine Notwendigkeit gibt, ihr übermäßig zu huldigen.