Die Bewegung eines Menschen zu kontrollieren heißt den Menschen zu kontrollieren.

Dass die Art und Weise und das Ausmaß, in dem wir uns bewegen, direkten Einfluss auf unsere Art und zu denken hat - ist einer der faszinierenden Aspekte, wenn man sich mit Bewegung beschäftigt. Bereits Moshe Feldenkrais hat zu seiner Zeit postuliert, dass Bewegung und Denken untrennbar sind; soweit, dass jeder Gedanke eine (noch so kleine) Bewegung auslöse, und genauso jede Art von Bewegung die Gedanken forme.

Und wie sollte es anders sein, wenn man bedenkt, dass beide Sphären vom Zentralen Nervensystem gesteuert werden und dass die Trennung von Körper und Geist eine historische und willkürliche ist.

Dass dieser Zusammenhang aber noch viel weitreichendere und sehr praktische Auswirkungen hat, wenn es um Lebenszufriedenheit und den eigenen Lebensentwurf oder gar Unternehmenserfolg geht, wurde mir letztes Wochenende so richtig bewusst.

Der Impuls zu dieser Einsicht kam mir im Rahmen eines Bewegungs-Workshops, der in den letzten zwei Tagen in Wien stattfand: Ido Portals "The Corset". Es war mein zweiter Workshop bei ihm, nachdem ich seine Arbeit irgendwann letztes Jahr entdeckt hatte. Für diejenigen, die mit Idos Arbeit nicht vertraut sind: Er vertritt einen weitgehen NICHT-spezialisierten Zugang zu Bewegung. Im Grunde hat er eine Art Bewegungs-"Kanon" zusammengestellt, der den Körper durch ein sehr breitgefächertes Bewegungsrepertoire führt: eine Mischung aus Gymnastik, Kampf, Tanz, Fortbewegung, Krafttraining, Alltag - in der die einzelnen Bereiche integriert in einander übergehen.

Fast noch interessanter als die konkreten Systeme, Progressionen und Bewegungen ist für mich die Philosphie, die hinter diesem Ansatz steckt: das Aufgeben von Bewegungsdogmen (jeder muss seine individuelle Ausführung unter Berücksichtigung bestimmer Prinzipien selbst finden); die Einsicht, dass man den Körper auch in vermeintlich dysfunktionellen Konfigurationen stärken muss (denn im Leben kann man auch nicht immer alles mit einer neutralen Wirbelsäule machen); die Botschaft, dass Training kein Selbstzweck ist (sondern immer Ausdruck in Bewegung finden muss - sei es Sport, Spiel, oder Bewegung im Alltag); den Körper auf vielen Ebenen robuster zu machen (also nicht nur Muskeln, Nerven und Bindegewebe mit Training zu stimulieren - sondern die gesamte Struktur und Physiologie über entsprechende Reize herauszufordern); und weder einem "no pain no gain"-Ansatz noch einer "everything in moderation" Auffassung zu folgen (Schmerz ist ein wichtiges Signal der Körpers genauso wie es manchmal auch sehr viel von etwas braucht).

In einer seiner Ausführungen während des Workshops, als es eben um das Thema Bewegung im Zusammenhang mit Mindset ging, sagte Ido etwas Interessantes:

If you control the movement - you control the people.

Wenn man also die Bewegungen von Menschen kontrolliert - hat man automatisch Kontrolle über die Menschen.

Hui.

Aus seinen nachfolgenden Sätzen wurde mir klar, dass er vor allem klassische, eher sportliche Bewegungs-Kontrollszenarien im Kopf hatte: fernöstliche Kampfkunst-Schulen, in denen über streng synchronisierte und auf den Winkel standardisierte Bewegungen jegliche Individualität und kreatives "Ausbrechen" abtrainiert wird. Oder die rigide festgelegten Bewegungen beim Militär, mit denen Rekruten von Anfang an folgsam gemacht werden. Mir persönlich kommt die Assoziation von z.B. dem streng reglementierten Bewegungsrepertoire von Ballettcorps-Mitgliedern, die durch ihren Gleichschritt und eine normierte Ästhetik bestechen sollen.

Aber nach dem ich eine Weile über diese Bemerkung nachgedacht hatte, wurde mir ihre viel weitere Bedeutung klar.

Vor meinem inneren Auge sah ich Büros, Cubicles und Klassenräume.

Kontrolle über Bewegung kann nämlich auch heißen, die Bewegungslosigkeit zu kontrollieren. Umgebungen zu schaffen, in denen Bewegung auf ein Minimum reduziert wird. In denen Menschen dazu angehalten werden, über längere Zeit in ein und derselben Gelenkkonfiguration zu bleiben (wie zum Beispiel beim Sitzen auf einem Stuhl).

Denn es ist ziemlich wahrscheinlich, dass so "ruhigstellte" Menschen nicht aus ihren gewohnten Mustern ausbrechen, oder auf verrückte (Bewegungs-)ideen kommen; dass sie nichts aufmischen, nichts Unerhörtes wagen und nicht allzu viel störende Leidenschaft zeigen. Et voilà - Kontrolle über den Menschen.

Ich meine das nicht im Sinne einer kollektiven Verschwörungstheorie ("die da oben wollen uns ruhigstellen"). Ich will auch keinem die Schuld dafür geben. In einer gewissen Weise ist es, auch historisch betrachtet, fast nachvollziehbar: Immerhin ging es in der Arbeitswelt und im Schulsystem ursprünglich darum, viele Menschen auf dem verfügbaren Raum zusammenzubringen und sie bestimmte Aufträge und Vorgaben abarbeiten zu lassen. Da ist es schlicht und einfach bequem, wenn diese Menschen nicht allzu viel rumhüpfen, sich einigermaßen bedeckt halten und die Abläufe nicht mit ihren körperlichen Bedürfnissen stören.

Und als Teil dieses Systems kann man sich natürlich darauf einlassen, und die Bewegungsarmut akzeptieren. Sie sich gut bezahlen lassen, und mit (vermeintlicher) Zukunftssicherheit abpolstern.

Aber wer es akzeptiert, dass die eigenen körperlichen Bewegungsbedürfnisse kontrolliert werden, akzeptiert eben auch, dass er selbst kontrolliert wird. Er akzeptiert, dass sein Lebensentwurf kontrolliert wird, seine Optionen, seine Leidenschaften, seine Fitness - und am Ende seine Gesundheit und Lebensqualität.

Die Alternative?

Warnung: Sie ist mit Sicherheit unbequemer, für alle Beteiligten. Sie braucht mehr Raum, örtlich und zeitlich. Sie muss mit den Widerständen einer bewegungsarmen Kultur fertig werden.

Sie besteht darin, die Kontrolle und Verantwortung für das eigene Bewegungsspektrum selbst zu übernehmen. Sich sein Umfeld dafür selbst zu gestalten. Oft aufzustehen; sich und andere herauszufordern. In Bewegung zu bleiben. Auch mal was nicht hinzukriegen und zu fallen. Aufzustehen, und kreativ zu werden. Sich nicht von schiefen Blicken und kontrollierenden Gesten beirren zu lassen.

Ein solcher, vielfältig bewegter Körper wird mit Sicherheit anders denken. Mehr auf sich hören. Besser mit Misserfolgen umgehen. Unverfrorener Neues ausprobieren. Am Ende gar stark, gesund und zufrieden den eigenen Weg gehen.

Könnte also ziemlich unkontrolliert zugehen, in den Unternehmen und Schulen von morgen. Aktiv, dynamisch. Vielleicht gar wild.

Aber die Mutigen und Innovativen unter ihnen werden dies nach Kräften fördern. Denn es könnten verdammt erfolgreiche Gedanken dabei herauskommen.