Wehret den Stehtischen: Eine Einladung zu bewegter Schreibtischarbeit.

Um es vorwegzunehmen: Ja, ich finde den aktuellen Stehtischtrend erfreulich. Ich bin heilfroh, dass die Risiken stundenlangen Sitzens langsam ins allgemeine Bewusstsein sickern, und dass auch erste Studien die Wirkungen des im-Stehen-Arbeitens positiv bewerten.

Trotzdem sehe ich das Thema Stehtische mit gemischten Gefühlen. Denn es ist natürlich ein verführerisch einfacher Ausweg, mit Stehen zu reagieren, wenn das Sitzen es auf die Dauer nicht reißt.

Nur muss man bei verführerisch einfachen Lösungen immer prüfen, ob sie das Problem nicht einfach verlagern, statt es wirklich zu lösen. Und genau dieses Risiko sehe ich beim Einsatz von Stehtischen: Am Ende des Alltages ist es unerheblich, ob ich acht Stunden auf einem Stuhl gesessen oder an einem Stehtisch gestanden bin. In beiden Fällen habe ich meine Position wenig variiert, und möglicherweise auf bereits schlechte Haltungen aufbelastet (denn wenn meine Haltung eh schon suboptimal ist - dann wird sie weder vom vielen Sitzen noch vom vielen Stehen so viel besser). Außerdem, auch wenn das eine persönliche Erfahrung sein mag: Fokussierte Denk-/Erledigungs-/Routine-/Nahende-Deadline-/Schreib-/Lese-/Knobelarbeit ist für mich ein semi-meditativer Zustand - und den kann ich schwer im Stehen erzeugen. Ich muss in mich versinken können, mich stabil fühlen, einen guten Bodenkontakt haben. Und dabei trotzdem flexibel und beweglich bleiben.

Genau diese Anforderungen haben mich dazu bewogen, letzte Woche die Tischbeine meines einfachen IKEA-Schreibtisches

Schreibtisch VORHER

Schreibtisch VORHER

um mehr als die Hälfte zu kürzen,

Schreibtisch NACHHER

Schreibtisch NACHHER

um so am Schreibtisch arbeiten UND auf dem Boden sitzen zu können.

Ursprünglich bin ich durch die Arbeit von Katy Bowman auf das Bodensitzen gekommen. Zunächst war es nicht mehr als eine charmante Idee, vom Stuhl wegzukommen. Eine gelegentliche zeitweise Unterbrechung der "normalen" Arbeit auf dem Bürostuhl. Nach einer Weile wurde es unbequem, und dann ging es zurück auf den Stuhl.

Bis ich merkte, dass das Bodensitzen meinen Körper tatsächlich veränderte. Bis schließlich das Arbeiten auf einem Stuhl zur Ausnahme wurde.

Bis dahin dauerte es allerdings. Denn im Grunde ist das Sitzen auf dem Boden eine Art Sport. Und wenn man in diesem Sport besser werden will, muss man dafür regelmäßig trainieren und regenerieren. Man darf es nicht übertreiben, und man muss dem Körper Zeit für die Anpassungen geben. Immer wieder kann es trainings-/anpassungsbedingten Diskomfort geben, sogar Muskelkater. Man darf, wie bei jedem Sport, nicht von heute auf morgen nur noch auf dem Boden sitzen und erwarten, dass das sofort total bequem ist.

Genau das passiert aber, wenn manche Menschen sich das Sitzen auf dem Boden vorstellen. Die meisten denken dann vor allem an "unbequem".

Im Grunde ist das aber der beste Hinweis auf die enorme Wirkung des Bodensitzens. Demonstration gefällig? Bitteschön:

Hip mobility, anyone? Auch weil die Positionen hier zur Verdeutlichung im Schnelldurchgang durchgespult wurden, lässt sich gut erkennen, dass die Hüfte, Beine und der Rumpf durch eine Vielzahl von Gelenkkonfigurationen kommen. Wir haben tiefe Flexion in der Hocke; Abduktion und Außenrotation in den Schneidersitzvarianten; Kniestreckung im Langsitz und in den Grätschvarianten; Fußstreckung (Plantarflexion) im Kniesitz. Wir haben Aufsteh- und Hinsetzbewegungen, die viel Kraft, Kontrolle, Beweglichkeit und Koordination brauchen. Wir können spontan in Ruhepositionen gehen (Kniebeuge und Hinlegen); wir können symmetrisch oder, wie in den Ausfallschritten, einseitig "arbeiten". Also mir war nach dem Drehen des Videos ziemlich warm.

Im Alltag würde dieser "Flow" natürlich auf einer längeren Zeitskala erfolgen. Man würde mehr Zeit in einer Position verbringen, um dann spontan zu wechseln. Aber wenn man sich vorstellt, dies zu machen statt mehrere Stunden auf einem Stuhl zu verbringen, dann bekommt man eine leise Ahnung, wie sehr der Körper sich nach ein paar Monaten verändern kann. Und um wieviel positiv gestimmter und energiegeladener man nach so einem Arbeitstag das Büro verlässt.

Klar kann man dann auch mal im Stehen arbeiten. Denn dann ist das einfach der Spezialfall "gestreckte-Knie-gestreckte Hüfte", und damit eine Variante neben vielen anderen, die der Körper im Laufe des Tages durchlaufen hat. Aber dann hat man das Problem wirklich gelöst - und nicht einfach auf Stehtische verlagert.