Warum alleine arbeiten eine ganze Branche ausbremst (Teil 1): Weil Selbständigkeit einsam macht.

Als introverierter Mensch, der ohne Probleme allein sein kann, gut organisiert ist, gerne sein eigenes Ding macht und im tiefsten Inneren nicht zum Angestellten taugt, kam mir der einzelunternehmerische Mindset der Sport- und Gesundheitsbranche gerade recht: Nämlich, dass es pragmatisch ist, alleine zu arbeiten - ob als Freiberufler, Praxisinhaber, GbR, Coach, Lehrer, Trainer oder Therapeut. Oder vielleicht sogar, dass die One(Two-)-Man-Show das einzig Mögliche ist: Geringe Anfangsinvestments, niedrige Fixkosten, volle Flexibilität, Unabhängigkeit und Konzentration auf das Tagesgeschäft.

In meine erste Selbständigkeit in dieser Branche traute ich mich trotzdem nur in Teilzeit. Und tauschte sie nach ein paar Jahren komplett gegen einen letzten Versuch im Angestelltendasein ein.

Im Nachhinein glaube ich, dass dieses Aufgeben sehr stark damit zu tun hatte, dass ich, hart im Tagesgeschäft arbeitend, inmitten meines Tuns - beruflich einsam war. Alles stand und fiel mit mir; ich war beruflich in keine enge Community eingebunden. Irgendwie gelang es mir in dieser Isoliertheit nicht, neue Perspektiven zu erarbeiten und die Tätigkeit für mich erfüllend genug zu gestalten.

Mein zweiter Anlauf, seit nun fast 1,5 Jahren, ist durch Zufall anders gestartet. In hatte mir bewusst zunächst ein paar Monate Sabbatical-Zeit genommen, um einfach durchzuatmen, und ohne Druck über meine nächsten Schritte nachzudenken. Etwa zwei Monate nach Beginn dieser Sabbatical-Phase hatte ich eine Coaching-Sitzung mit dem von mir sehr geschätzten Autor, Künstler, Coach und Berater Dick Richards. (Eines seiner Bücher hatte mich vor Jahren mit dem Genius-Konzept in Verbindung gebracht und nachhaltig geprägt.) Ich war überzeugt, dass ich einfach weiter überlegen und erforschen müsste, was meine Stärken und Talente ausmacht, und irgendwann würde mein beruflicher Weg dann glasklar werden. Dick war daher der perfekte Unterstützer in diesem Klärungsprozess. Ich erzählte ihm also von meinen inneren Verwirrungen, Reflexionen, Geistesblitzen und Herausforderungen und erwartete irgendsoetwas wie Anregungen und intuitive Ideen in Bezug auf meine nächsten beruflichen Meilensteine.

Nix da.

Dick hörte sich meine Geschichten, meine Begeisterung und meinen ganzen Weltschmerz an und sagte dann etwas in diesem Sinne: Das allererste worum Du Dich kümmern solltest, sind Deine Beziehungen zu den Menschen um Dich herum. Stärke diese Verbindungen. Finde neue. Was auch immer Du beruflich als nächstes machen wirst, wird sich wahrscheinlich aus den Gesprächen mit diesen Menschen ergeben. [Hinweis: Für einen dramatischeren Effekt habe ich seine Aussage aus meiner Erinnerung heraus ein wenig orakelhaft paraphrasiert.]

Ich war kurz baff. Ein wenig unangenehm berührt - ich sollte ein Problem mit Verbindung zu anderen haben? Klar, ich war schon jemand, der Rückzug schätzte;  es gab mir auch ein gutes Gefühl, alles mögliche alleine hinzukriegen. Und ja, mir konnte das Zusammensein mit Menschen schnell auch mal zu viel werden, vor allem wenn sie mich und meine Ideen nicht verstanden oder es in irgendeiner Form kompliziert oder anstrengend wurde. Aber trotzdem - ich hatte beruflich schon immer viel genetzwerkt und eine Menge Kontakte überall auf der Welt.

Aber ich dachte auch an all die Menschen, die ich wahnsinnig gerne mochte, deren Arbeit ich wirklich schätzte und die ich vielleicht nie so richtig gut kennengelernt hatte. Menschen, die ich aus den Augen verloren hatte. Menschen, mit denen ich eigentlich gerne viel mehr zu tun haben wollte. Und nicht wusste, wie ich das anstellen sollte.

Und so wurde mein Sabbatical zu etwas mehr als geplant: Nämlich zu einem kleinen Labor in Bezug auf Einsamkeit und Gemeinschaft. Eine Zeit, in der ich sehr genau beobachten konnte, wie ich es mir in meinen Rückzugstendenzen bequem machte - und welche kleinen Gesten, Mechanismen und Gewohnheiten mir halfen, in enger Verbindung mit beruflich Gleichgesinnten zu bleiben.

Es war teilweise schmerzhaft, mir bestimmte Dinge einzugestehen. Dinge, die ich bisher nicht so genau anschauen wollte. Ersatzhandlungen, die mich meine Isoliertheit nicht so spüren ließen. Ablenkungen von Einsamkeit. Ich weiß z.B., dass ich in solchen beruflich einsam-verunsicherten Zeiten mehr Zeit als nötig im Internet, auf Facebook und Twitter verbringe - ständig am Checken, weil ich danach dürste zu wissen, was andere so machen. Was sie in ihren Blogs schreiben. Was sie für neue Programme/Angebote/Ideen/Produkte auf den Markt bringen. Wie sie ihren beruflichen Weg meistern.

Wenn ich ehrlich mit mir bin, hat das nichts mehr mit "sich Inspiration holen" zu tun. Unterschwellig erhoffe ich mir von diesem virtuellen Strohhalm Vergewisserung, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ob meine Ansätze stimmen. Es ist mein Versuch, meine Zweifel zu besänftigen (oder, an schlechteren Tagen, zu bestätigen). Es ist schwer, mich im echten Leben, vor echten Menschen mit diesen Zweifeln und Schwächen zu zeigen - die Distanz des Internets macht das leichter, bei voller Illusion, "connected" zu sein.

Aber diese Distanz verzerrt alles. Sie verzerrt meine Wahrnehmung von mir selbst und von anderen. Sie setzt einen inneren Monolog in Gang, der im Grunde weiter isoliert. Ich fange an mir einzureden, dass andere es einfach besser darauf haben. Dass ich mit meinen Ideen ganz falsch liege. Oder viel bessere Ideen habe, total verkannt bin und einfach nicht gesehen werde. Oder nicht schnell genug vorankomme, während alle anderen schon morgen an mir vorbeiziehen könnten. Und zu gut kenne ich dieses Gefühl von Neid oder Wehmut, wenn ich von den Erfolgen anderer lese/höre. Warum er/sie und nicht ich. Und dem begleitenden Schuldgefühl, weil ich mich ja eigentlich freuen und gratulieren sollte.

Es gibt andere, weniger virtuelle, Formen der Einsamkeits-Kompensation: Noch mehr arbeiten, um die Einsamkeit nicht zu spüren. Sich wahnsinnig anstrengen, in der Hoffnung, andere damit zu beeindrucken. Das Glas Rotwein nach einem langen Arbeitstag, um das nagende Etwas ein wenig zu besänftigen. In das neueste Equipment oder Ausbildungen investieren, um bloß nicht den Anschluss zu verlieren. Die Arbeit anderer kritisieren (ohne sie wirklich zu kennen), um in der Kritik Verbündete zu finden.

Nach dem Dicks Coaching-Rat mich ein wenig ratlos gemacht hatte, fragte ich ihn - wie ich denn das alles anstellen solle. Auf Knopfdruck engere Kontakte, Beziehungen, Freundschaften machen oder wie? Sein einfacher Rat war: Sag den Menschen, mit denen Du mehr und enger zu tun haben willst einfach, dass Du mehr und enger mit ihnen zu tun haben willst.

Ich würde jetzt an dieser Stelle gerne schreiben: Gesagt, getan! Aber ganz so war es natürlich nicht. Und dann doch irgendwie. Ich glaube mit "sagen" meinte er nicht nur, meinen Wunsch nach mehr Kontakt verbal zu kommunizieren, sondern grundsätzlich eine innere Einladung an andere Menschen auszusprechen. Mir einzugestehen, dass ich zwar alleine erfolgreich sein konnte, aber dass die heroische Unabhängigkeit nicht wirklich erfüllt. Aber schon auch, dass ich Menschen ansprechen musste. Sie immer wieder anrufen. Treffen vorschlagen. Mich in den Zug zu setzen und besuchen.

Und genau das machte mich so unkomfortabel. Ich wollte nicht dieses unsouveräne Gefühl, dass ich anderen hinterherlaufe und verwundbar auf ihre Reaktion warte. Ich wollte nicht immer wieder Anläufe machen. Ich wollte keine Zurückweisung spüren. Ich hatte Angst, dass andere nicht so viel mit mir zu tun haben wollten wie ich mit ihnen. Ich wollte niemandem zu Last fallen. Ich wollte nicht bedürftig, unwissend und abhängig wirken - vielleicht insbesondere nicht vor mir selbst.

Und ja, es war zum Teil schwierig. Frustrierend, wenn wieder ein Kontaktanlauf versandete oder keine Resonanz da war. Anstrengend, wenn ich mal wieder damit haderte, ob ich jemanden um einen Gefallen bitten konnte. Es war und ist immer noch mühsam, dranzubleiben und meinem Rückzugs- und Einzelkampf-Reflex zwar Raum, aber keine Maßlosigkeit zu gewähren.

Ich glaube es dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich echte Veränderungen merkte. Keine großen, aber doch spürbaren. Ich wurde geübter, kam mehr in echten Austausch und raus aus dieser gewissen "Networking-Höflichkeit", die ich im beruflichen Kontext immer so anstrengend empfunden hatte. Needless to say dass sich dieses ursprünglich beruflich aufgehängte Thema auch immens auf mein Privatleben auswirkte. Ich bin bei weitem noch nicht gut darin, und habe immer wieder "Facebook-Phasen" - habe aber zumindest gefühlt und erfahren, dass es sich lohnt, dran zu bleiben. Dafür, und allen, die ich im Laufe der letzten Zeit kennenlernen und besser kennenlernen durfte, bin ich sehr dankbar.

Ich glaube übrigens nicht, dass es ausreicht, sich mit dem Partner und Freunden über die berufliche Selbständigkeit auszutauschen. (Ich glaube sogar eher, dass dieser "isolierte Austausch" auf Dauer Partner- und Freundschaften übermäßig unter Druck setzen kann.)

Ich glaube stattdessen, dass es die wohlwollenden Mitstreiter braucht, die Peers, diejenigen, die die Branche und ihre Herausforderungen aus eigenem Erleben kennen. Es braucht den engen, häufigen und direkten Kontakt mit ihnen - unverfälscht von sozialen Medien, Email und Textnachrichten. Wir brauchen Menschen, die uns ehrlich in die Augen schauen, die wissen worum es geht und was auf dem Spiel steht. Gleichgesinnte, die uns aus vollem Herzen zu Erfolgen gratulieren - mit denen wir aber auch unsere Misserfolge und Fehler teilen können. Die uns gerade für diese applaudieren - dafür, dass wir den Mut hatten, etwas zu probieren und daraus zu lernen. Und dann fragen, wann es weitergeht. Kreative Köpfe, die uns helfen, die seit Jahren im Kopf hin- und hergewälzten Ideen zum Leben zu erwecken. Engagierte Experten, an die wir Familienmitglieder und unsere eigenen Kunden verweisen - weil wir wissen, was wir an ihnen haben.

Ich schätze das selbständige Arbeiten immer noch. Ich bin nach wie vor gerne allein. Ich glaube auch fest daran, dass Ideen und Kreativität im Alleinsein und Stille entstehen, und dass diszipliniertes Abarbeiten tout seul zum kreativen Schaffen dazugehört. Aber um unsere Ideen umzusetzen, ihnen zum Einschlag zu verhelfen, und dabei erfüllt zu bleiben - braucht es stabile, tiefe und authentische berufliche Beziehungen zu anderen, die wir genauso stärken wie sie uns. Das erfordert von uns, dass wir immer wieder auf andere zugehen, auch wenn das manchmal mehr Überwindung kostet, als uns vielleicht lieb wäre.

Enjoy The One-Man-Show. Mit allen anderen.

(Teil 2 dieses Artikels hier.)